Tanztherapie in der heutigen Zeit

In der zeitgenössischen Literatur zur Tanztherapie wird zur Definition derselben immer wieder die ursprüngliche Formulierung aufgegriffen, derer sich die American Dance Therapy Association zum ersten Mal 1973 in ihren Proceedings of the Annual Conference bedient.

"The psychotherapeutic use of movement as a process which furthers the physical and psychic integration of an individual.“

Dies ist die Definition, die das Kernanliegen der Tanztherapie ausdrückt. Mit den unterschiedlichen Ansätzen des tanztherapeutischen Vorgehens variieren die Definitionen leicht. So wird die Definition beispielsweise von "KLEIN“ übertragen mit den Worten :

“Tanztherapie als die psychotherapeutische Verwendung von Bewegung als Prozess, der die emotionale und physische Integration des Individuums zum Ziel hat.”

NOWROTH formuliert hingegen beeinflusst von der integrativen Tanztherapie:

"Die Tanztherapie nutzt das Medium Tanz und dessen Grundlage – die Bewegung – um sowohl die psychische als auch die physische und soziale Integration des Individuums zu fördern.“

Es fällt auf, dass sich diese Definitionen nur in Details unterscheiden. Allen Ansätzen gemeinsam ist die Idee der Integration der psychischen und physischen Anteile des Menschen.

Allerdings haben sich, wie oben bereits angedeutet, verschiedene Ansätze der Tanztherapie auf der Grundlage verschiedener psychologischer Theorien entwickelt. Davon konnten sich in den USA der Juganische Ansatz in der Nachfolge von WHITEHOUSE, der analytische und der gestaltpsychologische Ansatz behaupten.

In Deutschland sind der analytische, der Junganische und der integrative Ansatz vertreten. Der letztgenannte wird in dieser Arbeit im Zentrum stehen.

Auch wenn es keine einheitliche Theorie und Methode der Tanztherapie in der Form, wie sie heute ausgeübt wird, gibt, so lassen sich doch gemeinsame theoretische Grundannahmen und Anwendungsbereiche in den unterschiedlichen Schulen und Ansätzen wiederfinden, die sich z.T. direkt aus den Wurzeln der Tanztherapie ableiten. Sie sollen nur kurz und Überblickartig dargestellt werden.  Als Bezugsrahmen dienen im Folgenden im Wesentlichen die Ausführungen von "KLEIN“.

Eine der Grundideen der Tanztherapie steht im Einklang mit den Prinzipien der Humanistischen Psychologie. Es handelt sich um eine Erlebnistherapie, die von der Situation im Hier und Jetzt ausgeht. Der Ausgangspunkt ist die aktuelle Befindlichkeit der Patientin in der jeweiligen therapeutischen Situation, d.h. das sinnlich erfahrene Problem und nicht die rationale Problemeinsicht. Das Menschenbild der Tanztherapie entspricht weiterhin der ganzheitlichen Auffassung der Gestaltpsychologie (Körper – Seele – Geist Einheit) und geht davon aus, dass dem Menschen eine /vitale Selbstaktualisierungstendenz / dieser Einheit angeboren ist. Es entspricht dem humanistischen Menschenbild, den Patienten mit einer Grundhaltung, der Empathie, Akzeptanz und Kongruenz zu begegnen.

Aus der Entwicklungstheoretischen Perspektive wird vorausgesetzt, dass die natürliche menschliche Entwicklung gemäß einer immanenten Eigengesetzlichkeit verläuft, die im Idealfall nicht gestört wird.

Jede Störung dieses Entwicklungsprozesses bedeutet eine Hemmung der Selbstaktualisierung. Die therapeutischen Eingriffe in der Tanztherapie zielen darauf, die Patienten zu unterstützen, in zunehmender Eigenverantwortung die negativen Auswirkungen der Hemmung abzubauen und in den Prozess der Selbstaktualisierung zurückzufinden.

Für dieses Vorgehen bildet die genaue Kenntnis der psychomotorischen Entwicklungsstufen des Menschen in Ihrer gesunden und gestörten Form einen wesentlichen Wissensbereich der Tanztherapeutin. Sie bildet die Grundlage für die Bewegungsanalyse und die Therapieplanung.

Indem die Tanztherapie prinzipiell von diesen gesunden Lebensenergien ausgeht, die jedem, auch den erkrankten, Menschen zu eigen sind, lehnt sie einen Einteilung in gesunde und kranke Individuen ab. Es gibt keine klare Grenze, sondern ein Kotinuum zwischen krank und gesund, auf dem sich unterschiedlichste Erscheinungsformen der menschlichen Existenz einordnen lassen in Anbetracht 

ihrer gesunden und ihrer kranken Anteile.

Aufgrund dieser Überzeugung konzentriert sich die Tanztherapeutin viel mehr auf eine Stärkung der gesunden Anteile des Patienten als auf die Elimination von Schwächen. Auf diese Weise soll dem Einzelnen geholfen werden, einen Selbstheilungsprozess in Gang zu setzten und Stärke zu finden für die Konfrontation mit schwierigen Anteilen, die dabei auftauchen mögen. Folglich geht die Tanztherapie zwar von definierten Krankheitsbildern aus, interessiert sich jedoch jenseits der Kategorien krank und gesund dafür, phänomenologisch das aktuell sich zeigende Bewegungsverhalten der Klientin zu beschreiben aus der Überzeugung heraus, dass der Mensch als Ganzes sich in seinem Körper ausdrückt.